Die Bedeutsamkeit der Bindung wird an dieser Stelle besonders deutlich. Ob ein Kind nämlich sein Entwicklungspotential entfalten, sein Selbstvertrauen stärken und Bewältigungsstrategien entwickeln kann, hängt entscheidend von einer sensiblen Eingewöhnung, also von einer daraus entstehenden vertrauensvollen Bindung zu mir ab.

 

Da die Kinder die wichtigste und stärkste Verbindung zu ihren Eltern haben und beibehalten, ist die Beziehung zwischen mir und den Eltern ebenfalls ausschlaggebend für die Entwicklungschancen der Kinder (Bendt & Erler, 2012). Deshalb messe ich der Kontaktphase eine besondere Bedeutung bei.

 

Kontaktphase


In dieser Zeit erhalten die Eltern und ich einen ersten Eindruck, ob eine Zusammenarbeit im Sinne des Kindes möglich und sinnvoll erscheint. Nachdem die ersten Fragen (Betreuungszeitraum, Daten zum Kind, etc.) geklärt sind und es für die Eltern und mich grundsätzlich passend erscheint, wird ein erster persönlicher Gesprächstermin in den Wohnräumen der Kindertagespflege und in der Regel mit beiden Elternteilen stattfinden.

 

Die Eltern erhalten hierdurch einen ersten Einblick in die potentiell künftige Lebenswelt ihres Kindes und können hierzu Fragen stellen. Zudem möchte ich ein Gefühl für das Kind entwickeln und mit den Eltern deren Motivation für die Betreuungsform Waldkindertagespflege besprechen.

Erst nach diesem Gespräch und einer gewissen Bedenkzeit findet die Entscheidung statt, ob eine Zusammenarbeit gewünscht und möglich ist.

 

 

 

Eingewöhnung


Wird ein Betreuungsvertrag abgeschlossen, beginnt die wichtige Zeit der Eingewöhnung.

 

 

Sofern es möglich ist, empfehle ich, das die gesamte Eingewöhnungsphase (circa 4 - 6 Wochen) von dem selben Elternteil übernommen wird, da dies für das Kind eine Erleichterung darstellen kann.

 

In den ersten Tagen bleibt das Kind mit einem Elternteil für maximal eine Stunde. Die Anwesenheit des Elternteils bietet dem Kind den geschützten Rahmen, den es braucht, um sich in seinem individuellen Tempo auf die neue Situation einlassen zu können. Mit den Eltern wird vereinbart, dass sie sich

  • passiv verhalten,
  • das Kind keinesfalls drängen, sich von ihnen zu entfernen, dass sie
  • immer akzeptieren, wenn das Kind ihre Nähe sucht und dass sie
  • nicht lesen, stricken, sich mit dem Handy beschäftigen und
  • nicht mit dem eigenen Kind und den anderen Kindern spielen oder länger kommunizieren und somit
  • ihrem Kind ihre - zwar sehr passive - jedoch ungeteilte Aufmerksamkeit vermitteln.

 

Ab dem ersten Tag werde ich das Kind vorsichtig zum Kontakt einladen, beispielsweise über ein Spielzeug, ein Lied oder anhand einer kleineren Hilfestellung. Mahlzeiten und das Wickeln werde ich zunächst begleiten bzw. solcherlei Situalionen im Beisein der Eltern nur dann übernehmen, wenn und solange sich das Kind hierauf einlassen möchte. So hat das Kind, wenn der erste Trennungsversuch stattfindet, einige Situationen bereits mit mir erlebt und die Erfahrung gemacht, dass mir die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse wichtig ist.

 

Der erste Trennungsversuch erfolgt circa am vierten Tag und unmittelbar nach der Ankunft des Elternteils und des Kindes. Er geht, wie alle darauffolgenden Trennungen, mit dem bewussten Verabschieden des Elternteils einher.

Wichtig bei den Trennungsphasen ist, dass der Elternteil die Wohnung/das Waldstück nach der Verabschiedung zügig verlässt, jedoch in der Nähe bleibt und per Handy erreichbar ist.

Weint das Kind untröstlich weiter nach der ersten Trennung oder erstarrt es, wird der Elternteil sofort angerufen und zurückgeholt. Hierdurch erfährt das Kind die Sicherheit, dass sensibel auf seine Bedürfnisse eingegangen wird. An den darauffolgenden beiden Tagen würde dann kein erneuter Trennungsversuch unternommen. Je nach weiterem Verlauf würde dieser erst wieder am dritten Tag probiert.


Gelingt der erste Trennungsversuch, das heißt, reagiert das Kind gleichmütig oder kann ich es zeitnah trösten, dauert die erste Trennungsphase maximal 30 Minuten an und wird zur vereinbarten Zeit durch das Klingeln des Elternteils bzw. dessen Rückkehr zum Waldort beendet. Wichtig ist, dass das Erscheinen des Elternteils mit dem Abholen des Kindes einhergeht und dem Abschied von mir und der Gruppe.

 

In den kommenden Tagen und Wochen wird die Trennungsdauer, je nach Reaktion des Kindes und in Absprache mit den Eltern, Schritt für Schritt auf die Zieldauer (08:00/08:30 Uhr bis 12:30/13:00 Uhr) ausgedehnt. Grob kann ich sagen:

  • bewältigt das Kind einen neuen Schritt gut, wird dieser mindestens einen weiteren Tag gleichermaßen wiederholt, und erst bei erneutem Gelingen wird ein nächster Schritt angegangen.
  • Montags und freitags erfolgen, einer pädagogischen Empfehlung entsprechend, keine neuen Schritte in der Ausdehnung der Trennungsdauer.

 

Erst wenn sich das Kind geborgen und wohl fühlt, kann die Eingewöhnung als gelungen betrachtet werden und erst dann beginnt das Kind seine Umwelt selbstsicher zu erforschen und tiefergreifende Lernerfahrungen zu machen.